„Klangwelten hautnah erleben“

Ein Hörtrainingsangebot mit Musik und Bewegung für CI-Träger:innen

Der Hörtrainings-Workshop am 10.08.2019 in Hamburg wurde geplant und durchgeführt von Dipl.-Päd. Sascha Roder (M.A.).

Veranstalter war der Cochlea Implantat Verband Nord e.V.

Lag noch vor wenigen Jahren der Schwerpunkt des Neuen Hörens mit einem Cochlea Implantat auf dem Verstehen von Sprache, so möchten viele CI-Träger:innen heutzutage auch wieder Musik hören und wenn möglich genießen können.

Einen Zugang dazu möchte Sascha Roder mit seinem Workshop „Klangwelten hautnah erleben“anbieten. Für sein Projekt hat er professionelle Musiker:innen aus Hamburg mitgebracht.

Im Gepäck hatten sie Geige, Bratsche, Querflöte, Cello und Trompete. Ihre Instrumente haben die Musiker in Teil I des Workshops beschrieben und z.T. hautnah vorgestellt. Beispielsweise konnten sich die Teilnehmer den Korpus eines Cellos auf die Brust legen lassen und am eigenen Körper die Musik spüren, wenn der Musiker seinen Bogen über die Saiten streicht.

Das ist auch eine Besonderheit dieses Workshops. Der Zuhörer nähert sich der Musik mit mehreren Sinnen. Unser Gehirn hat nämlich eine jeweils andere Hörerwartung, je nachdem, ob wir sehen, wie der Cellist seinen Bogen über die Saiten führt, ob er sie mit einem Finger zupft oder mit mehreren Fingern ganze Akkorde erklingen lässt.

Musik ist mehr als nur Hören – der Mensch hört Musik auch mit den anderen Sinnen

Wenn die Musiker den Aufbau ihrer Instrumente beschreiben und damit ihre klanglichen Möglichkeiten darstellen, ist dies für den Zuhörer ein erster Schritt zum Musikverständnis. Bei der Geige wurde genau gezeigt, wie ein Ton zustande kommt, es wurde demonstriert, wie sich ein tiefer und ein hoher Ton anhört und dass die Geige leise und laute Töne spielen kann.

Flöten sind die ältesten erhaltenen Musikinstrumente der Menschheit. Schon vor 35.000 Jahren schnitzte der Mensch Flöten aus den Flügelknochen von Gänsegeiern. Diese waren hohl, und er brauchte sie nur noch mit Tonlöchern zu versehen. Heute wird die Querflöte bei schnellen Passagen im Orchester eingesetzt. Die Piccoloflöte liegt von Tönhöhe und Lautstärke auch im großen Orchester über allen anderen Instrumenten. Das ist auch der Grund dafür, dass auch Musiker:innen manchmal Gehörschutz benötigen, um sich vor Hörschäden zu schützen.

Musiker und CI-Träger:innen haben etwas gemeinsam – sie müssen viel üben und brauchen einen langen Atem

Bei der Beschreibung der Trompete konnte man erleben, wie allein der Einsatz von unterschiedlichen Hilfsmitteln aus Metall, sogenannten Dämpfern, den Klang verändern kann. Und zwar so stark, dass der geübte Hörer auch bestimmte Musiker daran erkennen kann.

Der Trompeter hatte auch eine schöne Geschichte im Gepäck, wie mühsam es ist, dieses Instrument zu erlernen. Das Üben bedeutet seiner Meinung nach viel Arbeit, es gibt Verzweiflung und Frust. Ganz wichtig beim Erlernen eines Instruments sollte eine entspannte Herangehensweise sein. Verkrampfung und Ungeduld bringen einen hier nicht weiter.

An dieser Stelle drängte sich einigen Zuhörern der Vergleich zum neuen Hören lernen mit einem CI auf. Genau wie Musiker müssen sie viel üben und eine große Ausdauer haben.

Teil II des Workshops: Instrumentengruppen

Mit den Instrumenten und ihrem Klang vertraut, können die erzeugten Töne nun leichter einzelnen Instrumenten zugeordnet werden. Das hilft dabei, diese voneinander zu unterscheiden, wenn sie gleichzeitig gespielt werden.

Musikgruppe erleben

Zunächst kamen immer zwei Instrumente zum Einsatz, z.B. 2 Violinen oder Trompete und Querflöte. Diese spielten Melodien, die schon im ersten Teil genutzt wurden, hier die Pink Panther–Melodie.

Das Heraushören von drei gleichzeitig gespielten Instrumenten stellt für das CI eine große Herausforderung dar. Einzelne werden evtl. gar nicht wahrgenommen. Der tiefe Klang des Cellos wurde meist gut gehört.

Für eine Aufführung mit 2 Geigen, einer Bratsche und einem Cello verwendeten die Musiker ein Stück von Karl Jenkins, das 1996 veröffentlicht wurde und „Palladio“heißt. Die Musik ist sehr dynamisch und auch wenn CI-Träger:innen gar nicht alle Instrumente gleichzeitig hören konnten, haben die meisten das Stück doch als sehr schön empfunden.

Sascha Roder: „Musik ist mehr als Hören.“

Über das gleichzeitige Sehen der Musiker beim Musizieren mit ihren schönen Instrumenten entstehen weitere Empfindungen beim Hören der Musik.

Teil III des Workshops: Das Raumklang-Erleben

Auch der Guthörende muss sich bei einem neuen Musikstück erst einhören

Für diesen Teil des Workshops verteilten sich die Musiker auf den Stirnseiten des sehr großen Raums, der ansonsten für Tanzveranstaltungen genutzt wird.

Herr Roder führte nun die Teilnehmer, die die Augen schließen sollten/durften, langsam durch den Raum und an den Spielstationen vorbei.

Die Musiker spielten abwechselnd jetzt schon bekannte Melodiesequenzen auf ihren Instrumenten. Die Klänge kamen aus verschiedenen Ecken des Raumes.

Das Raumklang-Erleben konnte die Wahrnehmung der Musik noch einmal steigern. Dazu trug sicherlich die sichere Führung durch den Raum und die größere Konzentration dank geschlossener Augen bei.

Das über den Tag gesammelte Vorwissen über die Instrumente und die Musikstücke aber war die Voraussetzung für diesen Hörerfolg.

Anmerkung: Dieser „Versuchsaufbau“ ist für fortgeschrittene Hörer eine prima Möglichkeit, das Richtungshören zu üben.

Zusammenfassung:

Die überaus gelungene Veranstaltung hat CI-Träger:innen viele Möglichkeiten aufgezeigt, sich mit CI wieder der Musik zu nähern.

Hilfreich dabei kann die Auswahl eines bekannten Musikstückes sein; die Beschränkung auf wenige, bzw. anfangs nur ein Instrument; Videos, die das Gehörte vor Augen führen, besser noch der Besuch von Konzerten wie sie z.B. Musikhochschulen anbieten, wo Studierende ihr ganz persönliches Instrument vorstellen. Und natürlich: Üben, Üben,Üben.

Am Schluß ermunterte Herr Roder die Teilnehmer, selber ein Instrument zur Hand zu nehmen.

Jörn Paland